Zurückblickend vorausschauen

Zeitzeugengespräch zu Krieg, Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg

„Ein Tscheche und zwei Russen haben der Familie das Leben gerettet, wie könnte ich etwas gegen alle Russen oder alle Tschechen haben?“ Zeitzeuge Dr. Franz Seidl vom Bund der Vertriebenen gelang schnell ein emotionaler Zugang zu den Schülerinnen und Schülern der Klasse 13-1 des Wirtschaftsgymnasiums im Profil Internationale Wirtschaft.

Zusammen mit seinem Freund Dr. Kurt Scholze, der sich wie Seidl im Schwäbisch Gmünder Verein „Brücke nach Osten e.V.“  engagiert, berichtete Seidl von Fluchterfahrungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die aus Pilsen stammende Germanistin Dr. Katerina Kovackova, deren Schwerpunkt unter anderem deutschböhmische Exilliteratur bildet, unterstützte die beiden, richtete den Fokus dabei allerdings auf ein mögliches zukünftiges Miteinander.

Während der Gesprächsrunde, die vom Geschichte- und Gemeinschaftskundelehrer Sasa Stanimirovic organisiert wurde, warnte Dr. Katerina Kovackova immer wieder vor Verallgemeinerungen im Umgang mit anderen. „Die Deutschen gibt es ebenso wenig wie die Tschechen.“ Dabei vermittelte sie eindrücklich wie Deutsche über die Jahrhunderte hinweg ein Drittel der Bevölkerung Böhmens stellten. In ihrer eigenen Schulzeit erfuhr sie selbst nur wenig bis gar nichts darüber. Am Beispiel des Prinzips der Kollektivschuld nach dem Zweiten Weltkrieg als alle Deutsche für „vogelfrei“ erklärt wurden, mahnte sie zu differenziertem Umgang und kritischem Hinterfragen von Generalisierungen: „Wir können diese Tendenzen ja auch heute erkennen. Seid vorsichtig, wenn Menschen mit der einen Lösung für Probleme kommen.“

Kennzeichnung von Deutschen mit weißen Armbinden, Ausgangssperren und Verbote den Bürgersteig zu verwenden – Dr. Franz Seidl und Dr. Kurt Scholze wussten ganz genau wovon Dr. Katerina Kovackova beim Prinzip der Kollektivschuld sprach. Und dennoch, Begegnung und Erinnerung ohne Missmut oder Groll waren die Leitlinien der Berichte von ihrer Kindheit im heutigen Tschechien und später in der Bundesrepublik. Eindruck bei den Schülerinnen und Schülern hinterließ vor allem die emotionale Belastung der Kriegserfahrung in der Familie, die Vertreibung aus der Heimat und der Neuanfang in der Stadt Schwäbisch Gmünd nach dem Zweiten Weltkrieg.

Trotz und vielleicht eben wegen ihrer Erfahrungen mit Vertreibung – Dr. Scholze und Dr. Seidl wurden und werden nicht müde immer wieder für den Dialog zu werben.

Von Sasa Stanimirovic